Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien: Zwischen harmlosem Hobby und psychischer Erkrankung liegt oft nur ein schmaler Grat

Wer regiert die Welt? Verschwörungstheorien zu jedem Thema bieten eine wunderbare Grundlage für harmlose, jedoch durchaus feurig geführte Diskussionen mit Freunden oder Kollegen beim Feierabendbier. Was aber, wenn Chemtrails, UFO‘s und Co. das halbe Leben ausmachen? Es ist möglich, dass eine ernsthafte Erkrankung hinter dem Interesse an Verschwörungstheorien steckt.

Definition: Was ist überhaupt eine Verschwörungstheorie?

Die Erfindung des Internets und hier vor allem die Entstehung sozialer Medien haben stark dazu beigetragen, dass sich Verschwörungstheorien heute besonders schnell verbreiten können. Dieser Effekt zeigt sich zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Terroranschlag auf das World-Trade-Center am 11. September 2001. Doch Theorien über Verschwörungen hat es vermutlich schon immer gegeben.

Eine der ältesten und zugleich verheerendsten Verschwörungstheorien geht zurück bis in die Zeit des Mittelalters. Hungersnöte und Missernten prägten diese Zeit. In Menschen jüdischen Glaubens meinte man die Schuldigen für dieses Unglück gefunden zu haben. Historiker gehen heute davon aus, dass mit dieser Verschwörungstheorie die Grundlage zur Vernichtung der Juden in Europa während der Zeit des ‚Dritten Reichs‘ gelegt worden ist.

Doch nicht alle Verschwörungstheorien müssen zwangsläufig Konsequenzen in diesem Ausmaß haben. Es gibt auch solche Verschwörungstheorien, die eher von harmloser Natur sind. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn sich die Theorie mit dem frühen Tod eines Stars beschäftigt.

Für anfällige Menschen besteht jedoch auch bei diesen vermeintlich harmloseren Verschwörungstheorien die Gefahr, sich vollkommen in ihnen zu verlieren und jede freie Minute nach neuen Indizien und Beweisen zu suchen.

Dieses Risiko besteht vor allem dann, wenn zur gleichen Zeit eine psychische Krise bewältigt werden muss. Psychoanalytiker sagen, dass Verschwörungstheorien ideale Projektionsflächen für eigene, verdrängte Bedürfnisse darstellen. Dazu gehört der geheime Wunsch, mächtig zu sein und Kontrolle auszuüben.

Überblick: Das sind die beliebtesten Verschwörungstheorien in Deutschland

Die meisten Verschwörungstheorien sind langlebig und halten sich hartnäckig. So werden Anhänger jüdischen Glaubens vielerorts auf der Welt bis heute für negative Ereignisse aller Art verantwortlich gemacht.

Eine vor allem in Deutschland populäre Verschwörungstheorie besagt, dass die Bundesrepublik Deutschland kein legitimer Staat und in Wahrheit ein Unternehmen (GmbH) sei, welches von den USA ‚gelenkt‘ werde. Als angeblichen Beweis für ihre Theorie führen die Anhänger häufig das Argument ins Feld, dass Deutschland über keine gültige Verfassung verfüge und lediglich ein so genanntes Grundgesetz besäße. Dass dieses jedoch heute die faktische Bedeutung einer Verfassung hat, wird von den Anhängern ignoriert.

In letzter Zeit ist auch immer häufiger von so genannten Impfgegnern oder Impfkritikern zu lesen. Die Argumente zu Verschwörungstheorien rund um das Thema Impfen sind bei ihren Anhängern durchaus vielfältig. So gibt es sowohl Impfgegner, die lediglich ein Kartell der Pharmaunternehmen vermuten bis hin zu Personen, welche die Existenz von Viren komplett in Frage stellen. In Konsequenz lassen Impfgegner ihre Kinder nicht oder nicht ausreichen impfen, was bei einer Infektion schlimme Folgen nach sich ziehen kann, die auch zum Tod des Kindes führen können.

Harmlosere Verschwörungstheorien kursieren häufig um den frühen Tod einer berühmten Persönlichkeit. Sie sind vor allem unter Fans des jeweiligen Stars populär. So habe etwa der Sänger der amerikanischen Band Nirvana, Kurt Cobain, seinen Tod im Jahr 1992 nur vorgetäuscht, um ein Leben abseits des Rummels um seine Person führen zu können. Ähnliches gilt für den 1996 verstorbenen Rapper Tupac Shakur. Gibt man seinen Namen bei Google ein, ergänzt die Suchmaschine augenblicklich um den Begriff lebt. Offensichtlich gibt es nicht wenige Menschen, die der Meinung sind, Tupac Shakur würde noch leben, oder dies zumindest hoffen.

Über die psychischen Hintergründe

Mindestens die Hälfte der Bevölkerung in den USA glaubt dem deutschen Psychiater Manfred Spitzer zu Folge an mindestens eine Verschwörungstheorie. Sie sind demnach ein durchaus weit verbreitetes Phänomen. Einige Menschen entwickeln einen regelrechten Fanatismus hinsichtlich ihres Verschwörungsthemas, manche mit durchaus beachtlichem, unternehmerischen Erfolg. Zu ihnen gehört der Autor und Alien-Theoretiker Erich von Däniken, der seit den 1970er Jahren zahlreiche Bücher zu seinem Thema publiziert hat.

Für den Einzelnen verbirgt sich hinter der Motivation, sich mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen, häufig im Kern ein grundsätzliches Misstrauen, was die Motive und Absichten anderer Menschen betrifft. Nach Meinung von Psychologen sind besonders solche Personen für Verschwörungstheorien anfällig, die sich im Leben ungerecht behandelt fühlen. Ihre Umwelt nehmen sie häufig als bedrohlich wahr.

Eingefleischte Verschwörungstheoretiker haben Gemeinsamkeiten mit Menschen mit Wahnvorstellungen. Wie diese zeigen sie eine Tendenz, Muster und Verbindungen in Dingen und Ereignissen zu sehen, die bei genauerer Betrachtung nicht vorhanden sind. Dahinter verbirgt sich nach Ansicht von tiefenpsychologisch orientierten Psychologen der Wunsch, verloren geglaubte Kontrolle wiederzuerlangen.

Paranoia, Psychose und Co.: Wenn die Beschäftigung mit Verschwörungstheorien ein bedenkliches Ausmaß erreicht

Viele Menschen finden die Beschäftigung mit Verschwörungstheorien interessant. Daran ist auch nichts schlimmes, solange man sich nicht so sehr in diesen Theorien verfängt, dass praktisch jede freie Minute damit zugebracht wird. Spätestens, wenn die Beschäftigung eines Tages in Panik- oder Angstattacken gipfelt oder auch nur im Verdacht steht, diese auszulösen, sollte man sich ärztlichen Rat holen. Es ist auch möglich, dass das Interesse an einer Verschwörungstheorie das Symptom einer Psychose ist.

Eine Psychose ist durch wahnhafte Vorstellungen geprägt und wird von einem gestörten Hirnstoffwechsel erzeugt. Falls tatsächlich eine solche psychische Erkrankung vorliegt, sollte sie so schnell wie möglich behandelt werden. Unbehandelt können Psychosen dazu führen, dass der Erkrankte sich und sein Umfeld massiv gefährdet.

Psychosen sind eine ernstzunehmende Erkrankung. Die Gabe von Medikamenten gegen den gestörten Hirnstoffwechsel (Neuroleptika) wird in der Regel mit einer Gesprächstherapie kombiniert. Werden Psychosen frühzeitig durch einen Facharzt oder geschulten Therapeuten erkannt, sind sie meist gut behandelbar. Dabei ist ein aufmerksames Umfeld des Erkrankten von besonderer Bedeutung: Menschen mit Psychosen sind oft nicht in der Lage, ihren tatsächlichen Zustand selbst realistisch einzuschätzen.

Der Sozialpsychiatrische Dienst kann für Angehörige ein Ansprechpartner sein. Diese Einrichtung gibt es in jeder Stadt. In Notfällen, wenn der Erkrankte beispielsweise sich oder andere akut gefährdet, sollte nicht gezögert werden, den Notruf 112 zu tätigen.