Orthorexie Essverhalten

Orthorexie – die unterschätzte Gefahr hinter Ernährungstrends

Menschen, die an einer Magersucht leiden, sind permanent damit beschäftigt, nicht zu viel zu essen. Für Menschen mit einer Orthorexie-Problematik ist dagegen nicht die Menge, sondern die Qualität ihrer Nahrung entscheidend. Möglichst gesund und nahrhaft soll sie sein und am besten keinerlei Zusatzstoffe enthalten. Wo liegen die Grenzen zwischen gesundem Essverhalten und einer Essstörung?

Definition: Was bedeutet Orthorexie?

Viele Menschen verzichten heutzutage ganz bewusst auf Fast-Food, Alkohol, zuckerhaltige Lebensmittel und Co. Wie allgemein bekannt ist, können diese Dinge bei übermäßigem Konsum krank machen. Wer sich jedoch zwanghaft Gedanken um eine gesunde Ernährung macht und ständig über Zusatzstoffe und Co. grübelt, riskiert mit der Zeit in eine Essstörung abzurutschen. Die Orthorexie ist selbst (bisher) nicht als eigenständige psychische Erkrankung definiert. Weil sich aus ihr aber andere Störungen entwickeln können und weil sie die Betroffenen zu einem zwanghaften Verhalten verleitet, wird in der Fachliteratur immer häufiger darüber diskutiert, ob sie als eigene Störung definiert werden sollte.

Erstmalig brachte der amerikanische Arzt Steven Bratman den Begriff Orthorexie vor rund 20 Jahren auf. Bratman hatte über Jahre hinweg verschiedene Diäten an sich selbst und ausgewählten Patienten ausprobiert. Mit der Zeit stellte er fest, dass sich bei ihm und einigen seiner Patienten krankhafte Muster im Essverhalten entwickelt hatten. Den Begriff Orthorexie setzte Bratman zusammen aus den griechischen Worten orthos „richtig“ und orexis „Begierde, Appetit“. Die Bedeutung des Wortes „richtig“ kann von Betroffenen entweder als „moralisch einwandfrei“ oder, im Sinne von „gesund / frei von künstlichen Zusatzstoffen und Zucker“, verstanden werden.

Die selbst auferlegten Regeln und Gebote in Bezug auf das eigene Ernährungsverhalten können den Alltag massiv bestimmen und eventuell zu psychischen Problemen führen. Zu solchen Ernährungstrends gehören beispielsweise unter anderem:

  • Steinzeiternährung (auch Paleo genannt)
  • Streng vegane Ernährung
  • Low-Carb
  • Ketogene Ernährung
  • Rohkost-Diät
  • Eskimo-Ernährung

Als Ursache für das konsequente Festhalten an einem bestimmten Ernährungstrend nennen Psychologen häufig den Wunsch der Betroffenen nach Reinheit und moralisch richtigem Verhalten. Als besonders gefährlich werden von ihnen solche Ernährungsphilosophien gesehen, die ihren Anhängern einen Schutz vor bestimmten Erkrankungen oder gar eine Genesung von diesen in Aussicht stellen.

Musst du dir Sorgen um dein Essverhalten machen?

Der Übergang zwischen gesundem und krankhaftem Essverhalten ist fließend. Es gibt einige Anhaltspunkte und Symptome, die auf ein gestörtes Essverhalten hindeuten.

Sorgen machen solltest du dir, wenn mehrere der folgenden Punkte auf dich zutreffen:

  • Deine Essensplanung nimmt unverhältnismäßig viel Zeit in Anspruch. Das beginnt schon mit dem Einkauf im Supermarkt: Während andere einfach in den Wagen packen, was ihnen gefällt oder nur kurz über die einzelnen Waren nachdenken, untersuchst du jedes Etikett ausgesprochen intensiv nach Zusatzstoffen, von denen du glaubst, dass sie dir nicht gut tun.
  • Du bringst zu Feiern mit Freunden oder deiner Familie stets dein eigenes Essen mit. Bei den Menschen in deinem Umfeld hat dein Verhalten bereits zu Konflikten geführt oder jemand hat dir ganz offen sein Unverständnis ausgedrückt.
  • Du hast in letzter Zeit viel Gewicht verloren, obwohl du nicht abnehmen wolltest, oder du zählst akribisch jede Kalorie. In letzter Zeit fühlst du dich immer öfter krank oder bist tatsächlich anfälliger für Infekte und andere, kleinere Erkrankungen geworden.
  • Du spürst ein inneres Bedürfnis danach, andere von deinem Ernährungsstil zu überzeugen, weil dieser in deinen Augen der einzig richtige ist.
  • Du isst nur noch alleine oder unbeobachtet von anderen.

Die extreme Fixierung auf ein korrektes Essverhalten geht sowohl mit körperlichen als auch sozialen Folgen einher. Das Umfeld hat mitunter Schwierigkeiten, das Verhalten richtig zu deuten und kann vorschnell zu der Ansicht kommen, dass sich der Betroffene in Wahrheit nur überlegen fühlen möchte. Tatsächlich handelt es sich nach Meinung von Experten eher um ein übertriebenes Kontrollbedürfnis, das hinter einem gestörten Essverhalten steckt. Konzentrationsprobleme, Störungen der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses sind typische Folgen einer einseitigen Ernährungsweise. Wer sich zum Beispiel vegan ernähren möchte, sollte das lebenswichtige Vitamin B12 ergänzend einnehmen, da dieses ausschließlich in tierischen Produkten vorkommt. Ein dauerhafter Vitamin B12 Mangel führt zu Blutarmut und Nervenschäden.

Orthorexie: Wie findet man wieder heraus?

Eine Psychotherapie ist bei einer Orthorexie nur dann indiziert, wenn sich aus dem jeweiligen Essverhalten weitere psychische Probleme wie beispielsweise Zwangsverhalten oder Depression entwickeln. In einer Psychotherapie wird zunächst einmal überlegt, wie weit der Betroffene durch sein Essverhalten in seinem Erleben eingeschränkt ist und ob es sich bereits um problematisches Verhalten handelt.

Oberstes Ziel ist es, den Patienten zu einem Essverhalten zu führen, mit dem er ohne Einschränkungen leben kann. Gemeinsam suchen Therapeut und Patient nach möglichen Auslösern für das extreme Essverhalten und betrachten gemeinsam, welche Faktoren zur Ausbildung der Orthorexie geführt haben. Weil Betroffene die eigenen ungünstigen Essgewohnheiten häufig unter großen Stress versetzen, geht es außerdem darum, die Nahrungsaufnahme wieder entspannt(er) erleben zu können. Patienten lernen darüber hinaus, dass sie sich ruhig auch einmal etwas gönnen dürfen, ohne sofort ein schlechtes Gewissen zu bekommen oder sich gar zu bestrafen.

Bleibt eine Orthorexie unbehandelt, kann sich im ungünstigsten Fall eine andere Essstörung, beispielsweise eine Anorexie, daraus entwickeln. Gefährdet sind in diesem Zusammenhang insbesondere Menschen, die eine gesunde Ernährung mit dem Ziel abzunehmen verfolgen. Solltest du unsicher sein, ob dein Essverhalten ungesund ist, oder solltest du dir therapeutische Unterstützung wünschen, helfen wir dir gerne weiter.

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