Multiple Persönlichkeitsstoerung

Multiple Persönlichkeitsstörung: Bin ich viele?

Ist es möglich, dass mehr als eine Persönlichkeit in einem Menschen existiert? Bis heute wird über diese Frage auch unter Fachleuten hitzig diskutiert. Die multiple Persönlichkeitsstörung ist eine besonders schwere Form der dissoziativen Identitätsstörung, bei der die Betroffenen das Gefühl haben, mehrere Identitäten gleichzeitig zu haben. Wie diese Störung entsteht und wie man mit Betroffenen sensibel umgeht, erfahrt ihr im Blogbeitrag.

„Wer bin ich?“ Diese Frage ist für die meisten von uns leicht zu beantworten. Fähigkeiten, Verhaltensweisen und Erinnerungen bilden normalerweise eine Einheit, die wir als Ich bezeichnen. Bei multiplen Persönlichkeiten ist das anders: Zusätzlich zu einer Hauptidentität gibt es zahlreiche weitere Identitäten.

Warum erschafft sich die Seele mehrere Persönlichkeiten

Eine multiple Persönlichkeitsstörung geht auf schwerwiegendste, traumatische Erfahrungen zurück. Als Hauptauslöser gelten schwerer sexueller Missbrauch in der Kindheit und massive Gewalterfahrungen, die mit Todesangst verbunden gewesen sein können. Die Störung kann manchmal auch erst im Erwachsenenalter entstehen, beispielsweise nach Kriegs- und Foltererfahrungen. Die Symptome überschneiden sich in einigen Aspekten mit denen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. So können zum Beispiel selbstverletzendes Verhalten und Suizidgedanken in beiden Fällen eine Rolle spielen. Aus diesem Grund fällt es selbst Experten oft nicht leicht, die Störung richtig zu erkennen.

Wenn sich die Persönlichkeit spaltet, so ist die Ursache immer eine Reaktion auf eine akute Überforderung. Bei multiplen Persönlichkeiten ist es ein Versuch, schlimme Erlebnisse auf mehrere Personen zu verteilen, um das Überleben sicherzustellen. Ist das traumatische Ereignis eines Tages vorüber, verschwinden die Persönlichkeitsanteile aber nicht einfach wieder. Sie bleiben weiterhin im Bewusstsein der Betroffenen erhalten und machen sich auf die eine oder andere Weise bemerkbar.

Neben der Hauptidentität existiert mindestens eine weitere Persönlichkeit im Bewusstsein. Bei manchen sollen es sogar einige Dutzend sein. Die Teilidentitäten erfüllen in der Regel alle eine ganz spezielle Funktion für den Betroffenen. So gibt es zum Beispiel häufig eine Teilpersönlichkeit, die als Beschützer auftritt. Eine andere ist der oder die „Kleine“, eine schutzlose, kindliche Identität, die manchmal von anderen Anteilen beschützt werden muss.

Die verschiedenen Persönlichkeitsanteile können eigene Namen, Vorlieben, Charaktereigenschaften und eigene Erinnerungen haben. Das empfundene Alter und Geschlecht sind von der Hauptidentität abweichend. In belastenden oder unbekannten Situationen agieren dann die abgespaltenen Identitäten anstelle der Hauptidentität. Das kann zu Problemen im Alltag von multiplen Persönlichkeiten führen.

Besonders belastend ist die Störung, wenn bestimmte Persönlichkeitsanteile der Hauptidentität gegenüber feindselig eingestellt sind. Eine Betroffene beschreibt diesen Zustand in einem Internetforum:

„Es ist anstrengend und oft sehr qualvoll, weil die Vergangenheit unser Leben lang auch das heute bestimmen wird (…) und dann gibt’s eben auch noch die, die uns schaden wollen und in Schach gehalten werden müssen, aber trotzdem auch leben wollen“.

Menschen mit multipler Persönlichkeitsstörung sprechen häufig in Worten wie „uns“ und „wir“ von sich. Für Außenstehende ist dieses Verhalten häufig besonders irritierend.

Umgang mit multiplen Persönlichkeiten

Für Partner, Freunde und Kollegen ist der Umgang mit einer multiplen Persönlichkeit eine Herausforderung. Viele Betroffene sehen sich jedoch gar nicht dazu in der Lage, nähere Beziehungen einzugehen. So schreibt beispielsweise die Userin aus dem Internetforum:

„Es gibt sehr viele Dinge, die für uns unerreichbar sind. Für uns ist es beispielsweise unmöglich, eine Partnerschaft zu führen oder auch nur wirklich einmal jemandem voll zu vertrauen, Nähe zuzulassen.“

Der Umgang mit Betroffenen erfordert daher viel Verständnis und ein hohes Einfühlungsvermögen. Es kann vorkommen, dass multiple Persönlichkeiten Handlungen begehen, an die sie später keine Erinnerung haben. Jede der Teilidentitäten handelt und erlebt für sich und nicht alle Anteile stehen wissend von der Existenz der anderen. Erinnerungslücken sind ein typisches Symptom dieser besonderen Form der dissoziativen Störung. Es kann vorkommen, dass sie sich plötzlich an einem Ort wiederfinden, von dem sie nicht wissen, wie sie dorthin gekommen sind, weil von einem Moment auf den anderen eine Teilidentität die vollständige Kontrolle über das Verhalten und Erleben übernommen hat.

Switchen und Erinnerungslücken

Experten nennen diesen Vorgang switchen. Solch ein Wechsel geschieht häufig spontan und kann zum Beispiel auch während eines Gesprächs vorkommen. In einer solchen Situation hat der Betroffene keinerlei Kontrolle über den Wechsel seiner Identität. Als Außenstehender sollte man versuchen, trotzdem Ruhe zu bewahren.

Grundsätzlich ist es für multiple Personen äußerst hilfreich, wenn sie echte Empathie beim Abdriften in eine Teilidentität erfahren können.

Schließlich liegt der Anlass ihrer Erkrankung in einer oder mehrerer Situationen begründet, in denen sie keinerlei Hilfe bekamen. Starke Sinneseindrücke, wie etwa der Geschmack von Tabasco oder der Geruch von Ammoniak, können dem Betroffenen helfen, aus der Situation auszusteigen.

Weil die Erkrankten dazu neigen, Dinge zu vergessen, muss man sie als Angehöriger darin unterstützen, Termine wahrzunehmen. Dazu gehört vor allem das Einhalten vereinbarter Arztbesuche oder Therapiestunden.

Behandlungsmöglichkeiten und therapeutische Perspektiven

Wirksame Medikamente gegen die multiple Persönlichkeitsstörung gibt es bisher nicht. Ärzte verschreiben manchmal Schlaftabletten oder angstlösende Mittel, welche die Symptome lindern, die Erkrankung selbst aber nicht heilen können.

Eine Psychotherapie ist für Betroffene eine Chance, mit den Symptomen ihrer Erkrankung und den Teilidentitäten besser umgehen zu können. In der Therapie lernen sie, wie sich ihre Teilpersönlichkeiten in ein Gesamtbild integrieren lassen.

Vertrauen in andere Menschen zu haben fällt multiplen Persönlichkeiten oft besonders schwer. In der ersten Phase der therapeutischen Arbeit geht es deshalb darum, eine gute Vertrauensbasis zum Therapeuten aufzubauen. Erst dann können traumatische Erlebnisse bearbeitet werden.

Eine erfolgreiche Behandlung kann viele Jahre in Anspruch nehmen, lohnt sich für Betroffene in der Regel aber sehr. Zwar erleben nicht alle Patienten eine vollkommene Integration all ihrer Teilidentitäten, vielen ist es jedoch möglich, mehr Lebensqualität zu gewinnen und ein relativ normales Leben zu führen.

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