Positivismus

Immer alles rosig sehen? Gefahren des positiven Denkens

Positiv zu denken, kann in vielen Lebenslagen sehr nützlich sein. Es hilft uns, die guten Seiten einer Situation wahrzunehmen und das Glück im Alltäglichen zu genießen. Es gibt jedoch auch am Positivismus Kritik: Immer nur die rosarote Brille aufzusetzen, birgt große Gefahren …

Positivismus blendet Negatives aus:

Auch, wenn wir es uns noch so sehr wünschen: Das Leben ist nicht immer positiv. Jeder Mensch erlebt Schönes und Schlimmes. Wer immer versucht, das Positive zu sehen, blendet leicht die schlechten Seiten aus. Im besten Fall wirkst du dadurch naiv und gutgläubig. Im schlechteren Fall verdrängst du Negatives, statt dich damit auseinanderzusetzen.

Negative Gefühle haben ihre Berechtigung!

Wut, Angst, Trauer und alle anderen Gefühle sind nicht nur normal, sondern auch sehr wichtig für die Psychohygiene. Wer sie unterdrückt, wird auf Dauer unglücklich oder sogar krank. Ein erfülltes Leben braucht alle Facetten und Emotionen. Und: In vielen Situationen sind Zorn und Traurigkeit angemessen und berechtigt. Statt dir alles positiv zu reden, solltest du negative Gefühle akzeptieren. Dadurch lernst du, mit ihnen umzugehen und deine Emotionen zu kontrollieren.

Wer positiv denkt, übersieht Gefahren

„Wird schon gut gehen!“ Wer immer nur an die positiven Aspekte denkt, übersieht leicht Gefahren und begibt sich in Situationen, die schaden können. Negative Gefühle haben schließlich auch warnende Funktion: Wenn du dich in einer Situation immer wieder unwohl fühlst, dann solltest du das ernst nehmen und die Gründe dafür herausfinden. Mit übermäßigem positivem Denken kann man solche negativen Emotionen überdecken, sodass ihre Warnungen ungehört verhallen.

„Positive“ Anstöße können Menschen verletzen

„Wer weiß, wofür es gut ist!“ Diese Aussage gehört zu den meistgehassten in schwierigen Situationen. Wer gerade eine schlimme Diagnose bekommen oder einen geliebten Menschen verloren hat, will nicht hören, dass es darin vielleicht eine gute Seite geben könnte. Auch wenn es noch so gut gemeint ist: Positives Denken ist an solchen Stellen nicht hilfreich, sondern eher verletzend.

Positivismus erzeugt Druck

„Denk positiv, dann klappt es schon!“ Wer dem positiven Denken zu viel Macht einräumt, fordert sich selbst und anderen einen gewaltigen Druck ab. Denn, wenn sich Erfolg und Glück dann nicht einstellen, hast du dich vielleicht nicht genug bemüht? Wer glaubt, dass er mit dem richtigen Denken alles erreichen kann, befindet sich in einer Schleife der Schuld, wenn etwas nicht klappt. Der Zwang nach ständigem Optimismus ist kaum einzuhalten, niemand kann ununterbrochen positiv denken. Und das ist auch gar nicht nötig.

Positives Denken wird überschätzt

Die Vorstellung vom dauerhaften Glück ist eine Illusion. Keine Methode der Welt kann das möglich machen. Anhänger des positiven Denkens erwecken aber immer wieder den Eindruck, man müsse nur noch optimistischer sein und noch mehr lächeln, um irgendwann das vollendete Glück zu finden. Hier ist eine gesunde Portion Realismus wichtig: Positives Denken kann sehr gut tun, eine Garantie für ständige Freude ist es aber nicht. Wer zu viel erwartet, erreicht leicht das Gegenteil und wird unglücklich.

Positives Denken kann sogar schädlich sein:

Die Psychologin Julie Norem aus Cambridge machte schon in den 80er Jahren eine interessante Entdeckung: Menschen mit vielen Ängsten erbrachten durch positives Denken schlechtere Leistungen. Wenn sie sich dagegen die möglichen Probleme vorher vor Augen hielten, konnten sie darüber Kontrolle gelangen und damit ruhiger in schwierige Situationen gehen. Positives Denken ist also nicht für alle Menschen das Richtige. Manchmal muss man sich das Worst-Case-Szenario vor Augen führen, um mit diesem umgehen zu lernen.

Auch andere Untersuchungsergebnisse bestätigen die Grenzen des positiven Denkens: Die Psychologie-Professorin Gabriele Oettingen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem positiven Denken und dem Thema Motivation. Sie stellte fest, dass positives Denken nur unter ganz bestimmten Bedingungen erfolgreich ist. In vielen Fällen behindert es sogar die Motivation. Der Grund: Wenn man zu positiv über etwas nachdenkt, entspannt man sich. Man fühlt sich, als hätte man sein Ziel schon erreicht, und das senkt die Motivation, etwas dafür zu tun. Die Folge: Im Moment des positiven Denkens fühlt man sich zwar besser, auf Dauer wird man aber unzufriedener und depressiver, weil es mit den persönlichen Zielen einfach nicht vorwärtsgeht. Ihr Fazit: Positives Denken ist wichtig, aber es reicht nicht aus. Wir müssen uns gleichzeitig auch mit unseren inneren Hindernissen beschäftigen und herausfinden, was uns von der Erreichung unserer Ziele abhält.

Die richtige Mischung aus positiven und negativen Emotionen:

Immer nur positiv zu denken, birgt also Gefahren. Darauf verzichten solltest du trotzdem nicht! Optimisten sind glücklicher, gesünder und erfolgreicher als Pessimisten. Doch gesunder Optimismus ist etwas völlig anderes als das Schwarz-Weiß des Positivismus. Die Mischung macht es eben: Neben dem positiven Denken muss noch Platz bleiben, um auch negative Emotionen und Erlebnisse zu akzeptieren und zu verarbeiten.