Ehrlichkeit

Ehrlichkeit: Wie viel Lüge ist erlaubt?

Ehrlichkeit ist eine wichtige Basis für das Zusammenleben. Wir müssen uns auf andere verlassen können, um uns ihnen zu öffnen. Trotzdem lügen wir alle täglich, wenn auch nur in Kleinigkeiten. Und das ist gar nicht immer schlecht: Es gibt viele Fälle, in denen eine kleine Unwahrheit sinnvoller ist als ungefärbte Offenheit. Doch wo ist Schwindeln erlaubt und welche Grenzen solltest du nicht überschreiten?

Ehrlichkeit als wichtige Tugend:

Der Begriff „Ehrlichkeit“ hat viel mit „Ehre“ zu tun: Wer ehr-lich ist , ist auch ehr-bar oder ehren-haft. Nicht umsonst gibt man sein „Ehrenwort“, um die Wahrheit des Gesagten zu bekräftigen. Als ehrlich gilt, wer nicht lügt, stiehlt oder andere täuscht. Schon Kindern verlangen wir diese wichtige Tugend ab und erwarten, dass sie die Wahrheit sagen. „Ehrlich währt am längsten“ und „Lügen haben kurze Beine“, sagt schon der Volksmund. Und tatsächlich geht es uns besser, wenn wir die Wahrheit sagen. Wer lügt, muss immer befürchten, dass die Unwahrheit ans Licht kommt und bestraft wird. Wahrhaftigkeit ist die Basis eines guten Miteinanders. Nur sie ermöglicht es uns, Vertrauen und echte Nähe aufzubauen. Selbst in die zehn Gebote hat die Ehrlichkeit Einzug gefunden: „Du sollst nicht lügen!“

Typische Ausreden, Schummeleien und Notlügen des Alltag:

„Die Überweisung ist heute Vormittag rausgegangen.“
„Oh, das wusste ich leider nicht.“
„Ich würde gerne kommen, aber ich habe leider noch einen anderen Termin.“
„Du siehst super aus!“
„Tut mir leid, dass ich zu spät komme, der Zug hatte Verspätung.“
„Danke, mir geht es super! Und dir?“
„Wow, ein tolles Geschenk, danke!“

Die Liste der alltäglichen Halbwahrheiten und Notlügen ist lang. Es gibt wohl niemanden, der nicht hin und wieder auf sie zurückgreift. Angeblich schwindeln wir bis zu 50-mal täglich, britische Forscher kamen sogar auf 200 tägliche Unwahrheiten. In gewissem Rahmen ist das auch kein Problem und gehört sogar zu den Regeln der Höflichkeit. Wer immer nur unverblümt ehrlich ist, stößt Menschen vor den Kopf und löst unnötige Konflikte aus. „Wie geht es dir?“ ist in den meisten Fällen eben eine Höflichkeitsfloskel und keine Einladung zu langen Problemgesprächen. In Lebensläufen und Stellenbeschreibungen wird direkt mit eingerechnet, dass die Wahrheit gedehnt wird, um ein möglichst positives Bild zu malen.

Solche kleinen Notlügen sind auch deshalb akzeptiert, weil sie dafür sorgen, dass andere sich wohler fühlen. „Ich habe leider keine Zeit“ hört man einfach lieber als „Ich habe keine Lust auf deine langweilige Party“. Davon abgesehen kommt manche Ehrlichkeit schon nahe an eine Beleidigung heran:

„Puh, der Pickel auf deiner Nase sieht aber eklig aus …“
„Das Essen, das du gekocht hast, schmeckt scheußlich.“
„Ich habe mich bei dem Gespräch mit dir furchtbar gelangweilt.“

All das mag deiner Wahrheit entsprechen. Aber freundlicher ist es, es hier mit der Ehrlichkeit nicht zu übertreiben.

Wie viel Unwahrheit ist erlaubt?

Ehrlichkeit ist ein schwieriges Thema: Einerseits verbiegen wir selbst häufig die Wahrheit zu unseren Gunsten. Andererseits sind wir zutiefst verletzt, enttäuscht und wütend, wenn wir andere bei einer Lüge ertappen. Bei der Frage, wann Lügen erlaubt ist, geht es viel um die dahinterstehende Intention: Wenn die Wahrheit nur unnötig verletzen würde, ohne dem anderen Vorteile zu bringen, kannst du sie durchaus für dich behalten.

Die Grenzen der Unwahrheit sind ist ganz sicher erreicht, wenn du damit jemand anderem Probleme machst. Wenn du ein Projekt nicht rechtzeitig abgeliefert hast, mag es in Ordnung gehen, Kopfschmerzen oder andere wichtige Aufgaben vorzuschieben. Nicht in Ordnung ist es, einem Kollegen die Schuld zu geben. „Herr Müller sollte mir die wichtigen Informationen liefern und hat es nicht getan.“ So etwas geht über eine kleine Ausrede weit hinaus.

Auch bei Dingen, die noch für die Zukunft Konsequenzen haben, zahlt sich Ehrlichkeit aus. Sonst besteht die Gefahr, dass du dich immer tiefer in ein Lügengebäude verstrickst, weil du auf die erste Lüge eine zweite und dritte setzen musst, um in der Geschichte zu bleiben.

Besonders in Beziehungen ist Ehrlichkeit wichtig. Ein Fremdgeher kann sich nicht mit der Ausrede schützen: „Meine Frau wäre nur verletzt, wenn sie von meiner Affäre wüsste.“ Jedes erotische Detail musst du allerdings nicht ausbreiten.

Überprüfe deinen inneren Kompass:

Eigentlich weißt du selbst ziemlich genau, an welchen Stellen du es mit den Ausreden und Schwindeleien übertreibst: Mehr Wahrheit ist nötig, wenn du ein schlechtes Gewissen hast oder dich nach einer Ausrede schlecht fühlst. Wenn du merkst, dass du aus Feigheit oder Konfliktscheue lügst oder wenn es darum geht, dir einen eigenen Vorteil zu verschaffen, solltest du deine Handlungen überdenken. Und auch, wenn die Ausreden und Schwindeleien zur Gewohnheit werden, ist Vorsicht angebracht. Generell gilt: Achte auf deinen inneren moralischen Kompass. Entscheide, wie viel Wahrheit notwendig und wie viel Lüge akzeptabel ist, und dann stehe auch zu diesen Entscheidungen, mit allen möglichen Konsequenzen.